WÜRZBURG

Wein und die Musen

„Vergeblich klopft, wer ohne Wein ist, an der Musen Pforte“, hat der griechische Philosoph Aristoteles (384- 322 v. Chr.) einmal gesagt. Die alten Griechen verstanden bekanntlich ebenso etwas vom Wein wie von der Kunst, Aristoteles wusste also, wovon er redete.

Was in der Antike stimmte, funktioniert auch im fränkischen Weinland. Denn auch in unserer Region haben Künstler aller Sparten nicht nur gern den Wein genossen, sondern ihn auch zum Thema ihrer Kunst gemacht – oder sich doch wenigstens von Weinbergen und Reben inspirieren lassen. Für manche war der Wein aus Franken auch so etwas wie ein Lebensmittel – im Sinne des Wortes.

Goethes Lieblingswein

Allen voran Dichterfürst Johann Wolfgang von Goethe (1749-1832), der seine Weinvorräte aus allen möglichen Weingegenden Europas bezog, aber auf Lieferungen aus Franken keineswegs verzichten wollte. „Zugleich wünsche ich ein paar Flaschen Würzburger, wie ich solchen bei Herrn Hofrat Leder getrunken, und ein paar Flaschen vorzüglichen guten Steinwein. Diese Flaschen in einem Kistchen wären für Kälte zu bewahren“, schrieb Goethe am 11. Februar 1801 in einer Weinbestellung und ließ fünf Jahre später wissen, dass er „verdrießlich“ sei, wenn ihm sein „gewohnter Lieblingswein abgeht“.

Was nicht bedeutete, dass sich der Dichterfürst aus Weimar nicht auch aus anderen fränkischen Lagen bediente. Aus Escherndorf an der Mainschleife zum Beispiel ließ er sich genauso gern beliefern. Das Wein-Thema zieht sich denn auch durch das Werk des Dichters. „Für Sorgen sorgt das liebe Leben, und Sorgenbrecher sind die Reben“, heißt es so in der Gedichtsammlung „Westöstlicher Divan“, „Es lebe die Freiheit! Es lebe der Wein!“ lautet ein bekanntes Zitat aus dem „Faust“. Ob Goethe dabei den Frankenwein im Sinn hatte? Letzteres gilt auf jeden Fall für eine ganze Reihe von Dichtern und Schriftstellern aus dem 20. Jahrhundert.

Anton Schnack (1892-1973) zum Beispiel hat ein ganzes Büchlein namens „Weinfahrt durch Franken“ verfasst, Wolfgang Koeppen (1906-1996) besuchte die Keller in der Würzburger Residenz und war ganz angetan von der Stadt und ihrem Wein: „Es ist einfach ein Glück, in diese Landschaft zu blicken, auf diese Stadt, ihren Fluss und den Wein, der sie umwächst.“

Der in Gerolzhofen geborene Ludwig Derleth (1870-1948) verfasste gar „Fränkische Koran-Suren“, die ein Loblied auf den (Franken)-Wein waren: „Ohne diesen Zeitvertreiber bleiben lästig selbst die Weiber.“ Max Dauthendey, der ewig reisende Dichter aus Würzburg (1870-1918), schrieb: „Im Weinberg in braunen verdorrten Lauben / Leuchten die goldgelben Beeren der Trauben, / Und bei den Weinstöcken, die sich farbig malen, / Stehen die Nebel gleich gläsernen Schalen.“

Mundartdichter nahmen den Wein humoristisch

Meist von der humoristischen Seite näherten sich die in Franken zahlreichen Mundartdichter dem Frankenwein. Herausragend ist hier sicher der Kitzinger Engelbert Bach (1929-1999), der nach ersten dichterischen Versuchen Ende der 50er Jahre mehrere Gedichtund Prosabände in unterfränkischer Mundart veröffentlichte und in der alten Weinhandelsstadt Kitzingen am Thema Wein natürlich gar nicht vorbeikam. „Lass mer an Moust kumm / und denk mer, / wia guet dar schmeckt / in dan irdischn Jammertal“, spendet er Trost in „Frankn im November“. In „Moustzeit“ beschreibt er die Kellerarbeit: „Schö verpackt in gröna Träuwlbälch mit an neigerührtn Gschmackla aus Sunna und Boudn schprötzt dia Gewitterbrüha unter dia Backazähn von der Träuwlmühl.“ Oder kurz: Die Kelter verrichtet ihr Werk. Wer’s eher spannend mag, für den ist auch einiges geboten.

Franken-Krimis kommen selten ohne Wein aus

Seit Jahren sind Regionalkrimis populär, und in Franken gehen – wen wundert’s - Mord und Totschlag literarisch selten ohne Wein vonstatten. Weinberge, Winzerkeller und die mainfränkische Mentalität scheinen die Fantasie der Autoren zu beflügeln. Stellvertretend seien die weinseligen Krimis der Reihe „Schoppenfetzer“ von Günter Huth genannt sowie Rainer Greubels Heimatkrimis mit Titeln wie „Der Tod im Weinberg“ oder „Noch eine Leiche im Keller“ und die je eineinhalbstündigen Kriminalfilme der Serie „Dadord Würzburch“ von Christian Kelle.

In die Reihe der Schreiber hat sich jetzt auch der als „Würzburger Nachtwächter“ bekannte Wolfgang Mainka eingereiht, in dessen Neuerscheinung „Von Mäusen, Ratten und Priestern“ ebenfalls ein guter Schoppen eingeschenkt wird. Warum es in den Krimis immer wieder auch um den Wein geht? Vielleicht ja wegen der Wahrheit, die angeblich im Rebensaft liegt und die zu finden die vornehme Aufgabe von Kriminalkommissaren ist. Nicht nur in der geschriebenen, auch in der bildenden Kunst hat der Frankenwein seinen angestammten Platz.

In den christlichen Darstellungen des Mittelalters und der frühen Neuzeit finden sich immer wieder Weinmotive, später tauchen auf den im 19. Jahrhundert sehr beliebten romantischen Darstellungen von Land und Leuten immer wieder Reben und/oder Weingläser als Zierde auf. Mit dem Beginn der offensiven Weinwerbung im 20. Jahrhundert eröffnet sich für die Grafiker der Region ein weites Betätigungsfeld. Ein Name, den auch heute noch viele Freunde von Frankenwein und Frankenland kennen, ist zweifellos der von Richard Rother (1890- 1980). Vor allem seine Holzschnitte nehmen den fränkischen Winzer auf unnachahmliche Weise auf die Schippe. „Jenseits von allen Stilströmungen und Kunstrichtungen zeichnen sich seine Werke durch eine erdhafte Ausdruckskraft aus, die dabei immer ein verschmitztes Augenzwinkern erkennen lassen“, heißt es in einer 70er- Jahre-Ausgabe des „Buches vom Frankenwein“.

Das Oechsletier treibt sein Unwesen

Bis heute kann man in traditionell eingerichteten Weinstuben Rother-Holzschnitte an den Wänden entdecken, auf dem Würzburger Markt findet sich die Plastik eines fränkischen Häckers aus der Werkstatt Rothers. Locker mit dem Thema Wein ging auch der Maler Curd Lessig (geboren 1924) um, der Johann Heinrich Wilhelm Tischbeins berühmtes Gemälde „Goethe in der Campagna“ popartmäßig verfremdete und dem Dichter ein Weinglas in die Hand drückte. Zu den Künstlern, in deren Werk der Frankenwein immer wieder eine Rolle spielt, zählen ferner Theo Steinbrenner aus Schwarzach und Harald Schmaußer aus Sulzfeld am Main. Schmaußer hat sogar das „Oechsletier“ erfunden, ein laut dem Künstler „sagenhaftes Weintier“, das in einem 1994 erschienenen Buch sein Unwesen treibt.

Und die Musik? Ein Frankenwein-Musikwerk ähnlich der Kaffee-Kantate des Johann Sebastian Bach existiert bisher nicht, dafür einige vor allem im 20. Jahrhundert entstandene Trinklieder. Und der als „Teufelsgeiger“ bekannte Kitzinger Violinist Florian Meierott hat vor nicht allzu langer Zeit die wohl direkteste Verbindung zwischen Musik und Wein hergestellt: In Sulzfeld bespielte er Silvaner- Reben, um den im Holzfass heranreifenden Wein anschließend auch im Weinkeller mit seiner 330 Jahre alten Steiner-Geige musikalisch zu beglücken. Wenn das nicht wirkt!